Prozessoptimierung und Lösungen

Untersuchungshandschuhe: “Nur eine korrekte Anwendung schützt vor Infektionen.”

Medizinische Handschuhe sind neben der hygienischen Händedesinfektion die wichtigste Maßnahme zur Infektionskontrolle. Hygieneexperte Prof. Dr. Günter Kampf erklärt, wann und warum sie getragen werden sollten.

Die WHO „Glove Use Pyramid“ gibt Empfehlungen, wann Handschuhe getragen werden sollen und wann nicht. Herrscht in der Praxis darüber noch Unklarheit?

Prof. Günter Kampf: Der obere Teil der Pyramide betrifft das Tragen von sterilen Handschuhen. Darüber gibt es keine Unklarheit in der Praxis, da es sich um etablierte und standardisierte Prozesse handelt. Anders sieht es bezüglich nicht steriler Untersuchungshandschuhe* aus. Hier herrscht durchaus Unsicherheit darüber, wann sie getragen werden sollen, wann nicht und vor allem, wann sie abgelegt werden sollen. Es gibt zwar Hygienepläne in den Krankenhäusern, aber die Mitarbeiter richten sich nicht immer nach diesen vom Krankenhaus empfohlenen Richtlinien. Häufig übernehmen sie einfach Verhaltensweisen von Vorgesetzten oder es wird so gehandelt, wie man es selbst für richtig hält. Wenn ein Verhalten sich erst einmal etabliert hat und eine gewisse Routine da ist, ist es sehr schwer, diese Gewohnheit wieder zu ändern. Mehr Bewusstsein und praxisnahe Schulungen sind notwendig, um gewohntes Verhalten wieder zu verbessern.

Standard- und Kontaktvorsichtsmaßnahmen schreiben vor, dass Handschuhe getragen werden müssen. getragen werden. Die Pyramide nennt einige klinische Beispiele, die keine Handschuhe erfordern, sowie einige, bei denen es notwendig ist, Handschuhe zu tragen. Unabhängig davon, ob Handschuhe getragen werden, sollte die Handhygiene – wenn notwendig – durchgeführt werden.

Kurz zusammengefasst: Wann sollten Untersuchungshandschuhe getragen werden? Und wann nicht?

Kampf: Es gibt klassische Indikationen für das Tragen von Einweg-Untersuchungshandschuhen, in denen Anwender das freiwillig und gerne tun: Nämlich, wenn sie absehbar Kontakt mit Blut, Stuhl, Urin oder Wundsekret haben. Bei Patienten, die mit multiresistenten Mikroorganismen infiziert sind, ist es häufig auch empfohlen, routinemäßig Einweghandschuhe anzulegen. In beiden Fällen werden die Richtlinien auch aufgrund des Selbstschutzes in aller Regel beachtet. Mitarbeiter tendieren eher dazu, Handschuhe auch dann zu tragen, wenn es gar nicht nötig ist oder sie immer noch zu tragen, wenn eine Indikation gar nicht mehr vorliegt. Von allen Handschuhen, die getragen werden, werden einer Studie zufolge nur ein Drittel indikationsgerecht genutzt. Das ist in zwei Punkten kritisch: Zum einen kann das schädlich für die Hautgesundheit der Anwender sein. Zum anderen beeinträchtigt es die Compliance der Händedesinfektion. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass das Tragen von Handschuhen mit einer niedrigeren Compliance der Händedesinfektion korreliert. Und das schadet am Ende wiederum den Patienten1.

Bieten Handschuhe dem Anwender einen vollständigen Schutz vor einer Kontamination der eigenen Hände und dem damit verbundenen Infektionsrisiko?

Kampf: Es ist ziemlich gut belegt, dass Handschuhe keinen vollständigen Schutz bieten. Durch das Tragen von Einweghandschuhen wird zwar das Gros der Mikroorganismen von den Händen ferngehalten, ein gewisser Prozentsatz der Bakterien findet sich dort aber trotz der Handschuhe. Es gibt dafür zwei Erklärungsmöglichkeiten. Erstens sind Handschuhe nicht vollständig dicht, weil Mikroorganismen durch mögliche Mikroperforationen im Handschuh, die herstellungsseitig zu einem gewissen Prozentsatz vorliegen dürfen, auf die Hände der Anwender gelangen können.2 Zweitens können sich die Mitarbeiter bei ungeschicktem Ablegen die eigenen Hände wieder mit der Außenseite der Handschuhe kontaminieren3.

Welche Rolle spielt die Händedesinfektion in diesem Zusammenhang?

Kampf: Nach dem Ablegen der Handschuhe wird grundsätzlich empfohlen, eine Händedesinfektion durchzuführen. Da eben nicht alle Mikroorganismen durch das Tragen von Handschuhen ferngehalten werden können, ist es wichtig, die eigenen Hände zu desinfizieren. Das möchte ich mit folgendem Beispiel erläutern: Häufig muss ein Mitarbeiter mehrere Tätigkeiten am gleichen Patienten durchführen. Wenn zum Beispiel bei der zweiten Tätigkeit Handschuhe angelegt werden müssen, sollte er sich im Idealfall zu Beginn die Hände desinfizieren, die erste Tätigkeit durchführen, sich nochmal die Hände desinfizieren, Handschuhe anlegen, die zweite Tätigkeit durchführen, Handschuhe ablegen, sich die Hände desinfizieren und dann erst die dritte Tätigkeit durchführen. Eine solche Vorgehensweise würde den Vorgaben der Empfehlungen entsprechen, weil die Handschuhe nur für die eine Situation angelegt sind, für die sie auch nötig sind. Es gibt aber auch Patienten, bei denen gleich zu Beginn der Tätigkeiten Handschuhe oder eine gesamte persönliche Schutzausrüstung angelegt werden müssen, weil sie infektiös sind. Das vielleicht bekannteste Beispiel dafür waren die Ebola-Patienten, die vor Jahren unter anderem auch in Hamburg behandelt wurden. Wenn mehrere Tätigkeiten, auch aseptische, an diesen Patienten durchgeführt werden müssen, kann man in Ausnahmen die behandschuhten Hände desinfizieren.

Welche Regeln beim Tragen von Handschuhen sollten von den Anwendern befolgt werden, um ihre Hautgesundheit nicht zu beeinträchtigen?

Kampf: Eine ganz wichtige Regel für mich ist es, die Indikation zu kennen, in der man Handschuhe an- und ablegen soll. Beides trägt dazu bei, die unsachgemäße Nutzung zu reduzieren. Wenn Handschuhe erst dann angelegt werden, wenn eine Indikation vorliegt und dann sofort abgelegt werden, wenn die Indikation nicht mehr vorhanden ist, wird die Gesamtdauer des Handschuhtragens über den Arbeitstag sicherlich kürzer. Das ist auch hilfreich für die Hautgesundheit. Zudem ist es notwendig, dass den Mitarbeitern klar ist, dass sie nach dem Ablegen von Handschuhen ihre Hände desinfizieren müssen. Handschuhe sollen grundsätzlich über trockenen Händen angelegt werden. Es sollte sich weder Wasser noch Desinfektionsmittel mehr auf den Händen befinden.

Wie kann die Definition und das Etablieren fester Prozesse bei bestimmten Tätigkeiten, wie z.B. dem Legen eines peripheren Venenkatheters oder beim Verbandwechsel helfen?

Kampf: Standardarbeitsanweisungen (SOP), d.h. definierte Abfolgen von Einzelschritten, können sehr hilfreich sein. Wenn SOPs in der Praxis umgesetzt werden, ist der Patient optimal geschützt. An der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf wurde 2013 eine Beobachtungsstudie für das Legen von Venenkathetern durchgeführt1. Hier wurde festgestellt, dass die Compliance der Händedesinfektion vor der aseptischen Tätigkeit – also unmittelbar vor dem Legen des peripheren Venenkatheters – fast null war. Der Grund: Die Mitarbeiter legten gleich zu Beginn der Tätigkeit ihre Handschuhe an, obwohl es zu dem Zeitpunkt gar nicht notwendig war. Danach haben sie aber weder eine Händedesinfektion noch eine Desinfektion der behandschuhten Hände durchgeführt. Feste Prozesse sind also sehr wichtig, um den Anwendern klarzumachen, wann Handschuhe angelegt werden müssen und wann eine Händedesinfektion notwendig ist. Der ganze, bisher gewohnte Ablauf wird dann wahrscheinlich etwas geändert, aber diese vermeintlich kleinen Änderungen tragen dazu bei, den Patientenschutz zu verbessern. Wenn Prozesse richtig gelernt und angewendet werden, gehen diese in eine Routine über. Dann kann man eine Tätigkeit fast blind ausführen – und man macht sie richtig.

Das Anziehen von Handschuhen: Die WHO empfiehlt präzise Verfahren Richtige Technik des Handschuh-Anlegens und des Handschuh-Ablegens ist entscheidend. Die WHO empfiehlt genaue Vorgehensweisen, die erklären, wo der Handschuh angefasst werden, und wie zunächst der erste Handschuh und dann der zweite Handschuh angelegt werden sollte. Eine gute Technik beim Ablegen von Handschuhen ist auch notwendig, um die Hände nicht zu kontaminieren. „Wenn ich unachtsam in die Handschuhbox greife, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Handschuhe schon vor der Tätigkeit am Patienten kontaminiert werden “, erklärt Kampf.

Link zur Infografik Technique for donning and removing non-sterile examination gloves

Der selbständige Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin Prof. Dr. Günter Kampf berät Krankenhäuser, Praxen, Medizinproduktenhersteller und Desinfektionsmittelhersteller zu Fragen der Krankenhaus- und Praxishygiene. Er hat zahlreiche Artikel in internationalen Fachzeitschriften publiziert. Er ist an der Universität Greifswald als außerplanmäßiger Professor für Hygiene und Umweltmedizin tätig.

Weiterführende Informationen

  1. Disinfection of gloved hands for multiple activities with indicated glove use on the same patient

  2. Perforation rates for nonsterile examination gloves in routine dermatologic procedures

  3. Assessment of Self-Contamination During Removal of Personal Protective Equipment for Ebola Patient Care

  4. German Medical Science

*kommerzieller Produkthinweis

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