Surveillance System KISS auf Intensivstationen

Infektionen verhindern

Surveillance auf Intensivstationen: Wie die Zahl nosokomialer Infektionen reduziert werden könnte

Eine geschwächte Immunabwehr, invasive Eingriffe und die mangelhafte Einhaltung von Infektionsschutzmaßnahmen begünstigen die Übertragung von Krankheitserregern auf Intensivstation (ITS). Überwachungssysteme helfen dabei, Probleme zu identifizieren und können dazu anregen, Lösungen zu entwickeln, um Hygienemaßnahmen auf Intensivstationen zu verbessern.

Jeder chirurgische Eingriff – so wichtig und lebensnotwendig er auch sein mag – birgt das Risiko schwerwiegender Konsequenzen: Durch die Operation könnten Mikroben in den Körper des Patienten gelangen und schwerwiegende Infektionen auslösen. Solche sogenannten Gesundheitssystem-assoziierten Infektionen (healthcare associated infections, HAI oder nosokomiale Infektionen) sind dafür verantwortlich, dass viele Patienten den Aufenthalt auf der Intensivstation nicht überleben oder nicht mehr so fit werden, wie vor ihrem Eingriff. HAI sind lokale oder systemische Erkrankungen, die durch Reaktionen auf Erreger aus endogenen oder exogenen Quellen oder auf deren Toxine ausgelöst werden1.

Im Jahr 2014 entwickelten laut Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) acht Prozent der Patienten, die sich länger als zwei Tage auf einer Intensivstation aufhielten, mindestens eine HAI2. In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen wiegt das Problem noch schwerer: Im Vergleich zu Ländern mit hohem Einkommen ist die Häufigkeit von HAIs dort um das zwei- bis dreifache3 erhöht.

Gastmeier Charite Berlin Hygiene

„Es gibt drei Hauptursachen, die für das größere HAI-Risiko von Patienten auf Intensivstationen verantwortlich sind“, erklärt Professor Dr. Petra Gastmeier, Leiterin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Charité in Berlin und Expertin für die Überwachung nosokomialer Infektionen.

„Erstens haben Patienten auf der Intensivstation in der Regel mehrere Katheter, etwa zentrale Venenkatheter, Blasenkatheter und Endotrachealtuben. Krankheitserreger können sich entlang dieser Zugänge bewegen und so in den Körper gelangen. Zweitens sind diese Patienten schwer krank und müssen sich häufig vielen diagnostischen, therapeutischen oder pflegerischen Maßnahmen unterziehen. Solche Verfahren erhöhen das Risiko, dass Krankheitserreger von einem Patienten zum nächsten übertragen werden. Drittens beeinträchtigen Grunderkrankungen und Therapien wie etwa Antibiotikabehandlungen oder Chemotherapien die Immunabwehr von Intensivpatienten. Die Behandlungen stören das Mikrobiom des Magen-Darm-Traktes und erleichtern es Bakterien, vom Darm ins Blut zu gelangen und eine Sepsis auszulösen.“

Alle drei Risikofaktoren kommen auf Intensivstationen häufig vor und sind nur begrenzt beeinflussbar. Zwar kann eine gute Händehygiene der Übertragung von Krankheitserregern zwischen Patienten entgegenwirken, invasive Verfahren, der Einsatz von Kathetern und Verletzungen der Darmbarriere sind jedoch oft unvermeidlich. Die häufigsten HAI auf Intensivstationen sind Lungenentzündungen (6%), Blutstrominfektionen (4%) und Harnwegsinfektionen (3%)1. Die überwiegende Mehrheit der Lungenentzündungen und Harnwegsinfektionen ist mit der Intubation bzw. dem Einsatz von Harnwegskathetern verbunden. Blutstrominfektionen sind entweder Katheter-bedingt oder verlaufen sekundär zu anderen Infektionen, einschließlich Lungen-, Magen-Darm- und Harnwegsinfektionen, sowie Infektionen an der Operationsstelle. Bei einem Fünftel der Blutstrominfektionen bleibt die Herkunft ungeklärt. Auf den chirurgischen Intensivstationen gehören postoperative Wundinfektionen zu den häufigsten HAIs4. Antibiotikaresistente Bakterien wie Staphylococcus aureus, Pseudomonas aeruginosa, Escherichia coli und Klebsiella spp. verursachen ebenfalls häufig HAIs und erhöhen das Risiko für einen schweren bis letalen Verlauf.

Die Einhaltung infektionspräventiver Maßnahmen wie der Händehygiene ist entscheidend, um die Übertragung von Krankheitserregern zwischen Patienten zu verhindern. Übertragungen vom Personal auf Patienten kommen zwar selten vor (Gastmeier P et al, 2005)5, der Umgang mit Patienten kontaminiert jedoch die Hände des Personals. Wenn die Händehygiene im Anschluss nicht korrekt durchgeführt wird, kann das medizinische Personal die Krankheitserreger an den nächsten Patienten weitergeben. „Patienten auf der Intensivstation sind häufig bewusstlos oder schwer krank“, sagt Gastmeier. „Daher ist es unerlässlich, dass das medizinische Fachpersonal die Hygienevorschriften einhält. In den meisten ITS sind die Händehygiene-Compliance-Raten in den vergangenen Jahren auf 60 bis 80 Prozent gestiegen. Das trägt wesentlich dazu bei, Infektionen zu verhindern. Aber es herrschen immer noch immense Unterschiede zwischen einzelnen Intensivstationen. Daher sind Überwachungssysteme wichtig, um die Infektionsraten weiter zu senken.“

Reduzierung der Infektionsraten durch Überwachung

Die ersten klinischen Studien, die den positiven Einfluss von Überwachungsmaßnahmen auf die Häufigkeit von HAIs aufzeigten, wurden in den 1980er Jahren durchgeführt (Morrison AJ Jr et al., 1987)6. Seitdem haben viele Länder lokale Überwachungssysteme eingerichtet, und mehrere Studien haben einen Rückgang von HAIs kurz nach der Einführung solcher Systeme bestätigt. Das Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS) in Deutschland ist das größte nationale Überwachungssystem in Europa und verfügt auch über ein Modul für Intensivstationen (ITS-KISS)7. So können Forscher sowohl Daten über die Infektionen als auch über die verantwortlichen Krankheitserreger sammeln. Darüber hinaus ermöglicht ITS-KISS, Patienten mit multiresistenten Krankheitserregern und Clostridium difficile-assoziierten Durchfällen zu überwachen (Schröder C et al., 2015)8. „Überwachungssysteme sind besonders wichtig für die Qualitätssicherung“, erklärt Gastmeier. „Derzeit gibt es mehr als 1.000 Intensivstationen, die ihre Daten an das nationale Referenzzentrum übermitteln. Mediziner können dadurch die Häufigkeit von HAIs in ihren Einheiten über längere Zeiträume beobachten und ihre Daten mit denen anderer Intensivstationen vergleichen. Es ist wichtig, dass sich die Intensivstationen mit diesen Daten beschäftigen und gezielte Maßnahmen ergreifen.“

ITS beteiligen sich auf freiwilliger Basis am KISS. Krankenhäuser sind jedoch verpflichtet, Überwachungsmaßnahmen von HAIs durchzuführen. Zahlreiche europäische Länder haben in den 90er Jahren Überwachungssysteme eingeführt und in den letzten 20 Jahren weiterentwickelt. Die Daten aus Deutschland und anderen EU-Mitgliedsstaaten werden in Stockholm beim ECDC zusammengeführt. Das Zentrum unterstützt die Mitgliedsländer und koordiniert zusätzlich Punktprävalenzstudien9 über HAIs und antimikrobielle Therapien auf Intensivstationen. „In den vergangenen 20 Jahren haben wir gezeigt, dass Überwachungssysteme zu einer deutlichen Reduzierung der Infektionsraten führen“, sagt Gastmeier. „Mediziner können die HAI-Inzidenz in ihrem Krankenhaus genau beobachten und dementsprechend intervenieren.“ Eine aktuelle Studie hat die HAIs von mehr als 60.000 Patienten in Deutschland untersucht. Die Autoren konnten eine signifikante Reduktion von schweren HAIs auf Intensivstationen nachweisen, die ein Infektionskontrollprogramm installiert hatten (Hagel S et al., 2018)10.

Da immer mehr Krankenhäuser Überwachungssysteme einführen oder verbessern, ist es unerlässlich, dass Krankenhausärzte und Spezialisten für Infektionskontrolle kontinuierlich zusammenarbeiten. Diese Kooperation muss ebenfalls in regelmäßigen Abständen evaluiert und aktualisiert werden. „Die Digitalisierung könnte dazu beitragen, die Überwachungssysteme zu optimieren“, so Gastmeier. „Eine automatisierte Datenerfassung würde die Arbeitsabläufe erheblich vereinfachen und den Arbeitsaufwand reduzieren, der nötig ist, um Infektionsraten zu erfassen.“

Weitere Informationen

  1. Annual Epidemiological Report for 2016 Healthcare-associated infections in intensive care units, European Centre for Disease Prevention and Control
  2. Healthcare-associated infections acquired in intensive care units – Annual Epidemiological Report 2016, European Centre for Disease Prevention and Control
  3. Health care-associated infections Factsheet, WHO
  4. Annual Epidemiological Report for 2015 Healthcare-associated infections: surgical site infections, European Centre for Disease Prevention and Control
  5. How outbreaks can contribute to prevention of nosocomial infection: analysis of 1,022 outbreaks, Gastmeier P et al., Infection control and hospital epidemiology
  6. A measurement of the efficacy of nosocomial infection control using the 95 per cent confidence interval for infection rates, Morrison AJ Jr et al., American Journal of epidemiology
  7. Kurzbeschreibung des Moduls ITS-KISS, Nationales Referenzzentrum für Surveillance von nosokomialen Infektionen
  8. Epidemiology of healthcare associated infections in Germany: Nearly 20 years of surveillance, Schröder C et al., International journal of medical microbiology
  9. Point prevalence survey database (HAI-Net), European Centre for Disease Prevention and Control
  10. Effectiveness of a hospital-wide infection control programme on the incidence of healthcare-associated infections and associated severe sepsis and septic shock: a prospective interventional study, Hagel S et al., clinical microbiology and infection
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