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Auf dem Weg zum keimfreien Stethoskop

Rieke-Marie Hackbarth

Das Stethoskop zum Abhören seiner Patienten gehört zur Grundausstattung eines Allgemeinmediziners. Die ärztliche Fachkraft sollte das Gerät nach jedem Patientenkontakt desinfizieren, um der Übertragung von Keimen vorzubeugen. Die Erfindung einer 16-jährigen Schülerin könnte diese Hygienemaßnahme bald immens vereinfachen.

Ein selbst-desinfizierendes Stethoskop – auf diese Idee kam die 16-jährige Rieke-Marie Hackbarth. Sie hat sich für ihr Jugend-forscht-Projekt 2015 intensiv mit dem Thema Stethoskop-Hygiene beschäftigt 1.

Stethoskope sind wichtig bei der Diagnose von Krankheiten

Ärzte nutzen Stethoskope seit vielen Jahrzehnten, da sie mit dessen Hilfe ohne großen Aufwand Atemgeräusche, Rippenfellentzündungen, Lungenentzündungen oder Herzfehler zuverlässig diagnostizieren können. Schwingungen des Körpers werden bei der Auskultation von Herz und Lunge auf die Stethoskopmembran und damit ins Ohr des Mediziners übertragen.

So nützlich die Geräte sind, so schnell können sie zur Ansteckungsquelle werden, wenn sie nicht kontinuierlich desinfiziert werden. Eine Studie aus dem Jahr 20142 belegt, dass das Ansteckungspotenzial durch ein nicht-desinfiziertes Stethoskop ähnlich hoch ist wie durch eine nicht-desinfizierte Arzthand. Die Membran des Stethoskops war demnach stärker kontaminiert als alle Bereiche der Hand, mit Ausnahme der Fingerspitzen, und zwar sowohl mit normalen als auch mit multiresistenten Erregern.

2 Jahre Entwicklungszeit für das selbstdesinfizierende Stethoskop

Die Schülerin Rieke-Marie Hackbarth suchte eine einfache Lösung gegen diese Infektionsgefahr. Innerhalb von zwei Jahren entwickelte sie ein Stethoskop, das sich automatisch nach jeder Patientenkontrolle selbst desinfiziert und so beim nächsten Patienten wieder keimfrei ist. Ein Mikrochip macht das möglich: Sobald der Arzt nach dem Abhören Daumen oder Zeigefinger vom Stethoskop löst, empfängt der eingebaute Chip ein Signal und veranlasst wenige Sekunden später einen Sprühstoß mit Desinfektionsmittel auf die Membran des Stethoskops. Hackbarth hat bereits ihre Erfindung zum Patent angemeldet und mittlerweile einen Investor gefunden, der das selbst-desinfizierende Stethoskop weiterentwickeln und marktfähig machen möchte.3

Hackbarth ist mit ihren Bemühungen für eine bessere Stethoskop-Hygiene in bester Gesellschaft. Auch Jürgen L. Holleck von der Yale University School of Medicine (New Haven, USA) hat hinsichtlich der Stethoskop-Hygiene verschiedene Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung entwickelt und getestet4, beispielsweise die Verwendung von Alkoholtupfern, Alkoholgelen und Desinfektionstüchern nach der Patientenkontrolle. Zudem informierte er die Anwender über die Bedeutung dieser Maßnahmen und wertete ihre Reaktionen aus. Sein Ziel ist es, Stethoskope in Hygienepläne zu integrieren, damit die Geräte weiterhin sorglos im ambulanten Bereich eingesetzt werden können.

In der Testphase: Auskultation per Radar

Die moderne Medizin hat ebenfalls eine Lösung parat, die das händische Abhören überflüssig macht und derzeit an der Uni Erlangen-Nürnberg getestet wird5: die Auskultation per Radar. Die Methode: Das Abhören läuft komplett berührungsfrei, was eine Keimübertragung ausschließt. Erste Experimente mit Probanden verliefen vielversprechend. Das Radarsystem wird aber in naher Zukunft nicht das Stethoskop ersetzen. Ärzte wollen sich aus verschiedenen Gründen nicht davon trennen. „Das Stethoskop hat immer noch eine große Bedeutung im hausärztlichen Alltag, ich brauche es täglich dutzendfach“, zitiert DocCheck6 Dr. Frauke Gehring in einem Artikel. Die Ärztin für Innere Medizin mit eigener Praxis in Arnsberg, Deutschland, hört regelmäßig Atemgeräusche ab, um Bronchitis, Rippenfellentzündung, Asthma oder Lungenentzündung zu diagnostizieren. Herztöne verraten ihr Arrhythmien und Klappenfehler oder geben Hinweise auf eine Herzbeutelentzündung oder verengte Halsschlagadern. Nicht zuletzt brauche sie das Stethoskop regelmäßig zum Blutdruckmessen. Bildgebende Verfahren seien zwar wichtig, aber nur eine Ergänzung. Ihrer Meinung nach sei die Strahlenbelastung der berührungsfreien Methode für Patienten auf Dauer zu hoch – ebenso die Kosten für das Röntgen. Die Radargeräte sollten nur dann verwendet werden, wenn sie zwingend erforderlich sind und Zusatznutzen brächten.

Auch wenn es heutzutage moderne Techniken und Geräte gibt, die das Stethoskop ersetzen könnten, bleibt das Stethoskop nach wie vor eines der wichtigsten medizinischen Instrumente zur verlässlichen Diagnose vieler Krankheiten. Unter Berücksichtigung der RKI-Vorgabe, „alle Geräte/ Medizinprodukte mit direktem Kontakt zum Patienten […] nach Gebrauch bzw. vor Anwendung bei einem anderen Patienten desinfiziert werden [müssen]“, ist der Gebrauch nach wie vor zu empfehlen7. Das bedeutet: Die Anwender müssen sich der Infektionsgefahr bewusst sein und dieser mit den entsprechen Hygienemaßnahmen entgegenwirken.

Weiterführende Informationen

  1. Pressemitteilung Jugend forscht
  2. Contamination of Stethoscopes and Physician’s Hands After a Physical Examination, Mayo Clinic Proceedings, März 2014.
  3. Jugend forscht, Hamburger Abendblatt.
  4. Can education influence stethoscope hygiene? American Journal of Infection Control, 2017.
  5. Radar-Based Heart Sound Detection, Nature, Scientific Reports, 2018.
  6. Stethoskop: Gerät oder Geschmeide?, DocCheck
  7. Empfehlungen des Robert Koch Institutes zu Präventions- und Kontrollmaßnahmen, RKI
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