Olaf Stolz

Infektionen verhindern

Norovirus in Pflegeeinrichtungen: „Bewusstsein für wirksame Hygienemaßnahmen schärfen“

Alljährlich stellen Noroviren besonders in den Monaten von Oktober bis April das Personal von Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen vor erhebliche Herausforderungen. Die Statistiken der Meldesysteme zeigen, dass Kinder unter fünf Jahren und Erwachsene über 70 Jahren am häufigsten betroffen sind. Olaf Stolz ist freiberufliche Hygienefachkraft und berät unter anderem Alten- und Pflegeeinrichtungen in Hygienefragen. Mit ihm sprachen wir über Schwierigkeiten und Lösungen im Umgang mit Noroviren in Pflegeeinrichtungen.

Herr Stolz, Sie bekommen Einblicke in die praktischen und ganz alltäglichen Hygiene-Herausforderungen von Pflegeeinrichtungen. Was ist aus Ihrer Sicht unerlässlich, um einen Norovirus-Ausbruch bestmöglich zu überwinden?

Olaf Stolz: Die größte Herausforderung in diesem Zusammenhang ist es das Bewusstsein zu schärfen, wie schnell eine Keimübertragung stattfindet. Ich schildere dem Personal immer als allererstes die besonderen Merkmale der Erreger: Noroviren können bis zu sieben Tagen auf Oberflächen überleben, wenn nicht ausreichend desinfiziert wird. Und es reichen bereits kleinste Virusmengen von 10 bis 100 Virionen, um eine Infektion auszulösen. Das ist den meisten gar nicht klar. Im nächsten Schritt erkläre ich anhand eines Beispiels aus der Praxis, wie schnell eine Übertragung stattfindet: Stellen Sie sich vor, Sie werden in ein Zimmer gerufen, in dem ein Bewohner mit noch nicht diagnostizierter Norovirus-Infektion untergebracht ist. Der Bewohner ist gerade von der Toilette gekommen und hat sich bei der Rückkehr ins Bett auf verschiedenen Gegenständen abgestützt. Sie legen Ihre Patientenakte auf dem Tisch ab, der sich nicht in unmittelbarer Patientenumgebung befindet. Dann haben Sie direkten Kontakt mit dem Bewohner, zum Beispiel durch das Zurechtlegen des Kopfkissens. Nach korrekter hygienischer Händedesinfektion nehmen Sie die Patientenakte wieder an sich und verlassen das Zimmer. Die Akte übergeben Sie danach an Ihre Kollegin, die die weitere Betreuung übernimmt. Allein dieses kurze Szenario verdeutlicht eine Reihe von Schwachstellen hinsichtlich der Hygiene: Der Patient hat nach dem Toilettengang seine Hände nicht desinfiziert und den Tisch berührt. Auf diese nicht desinfizierte und mit Viren kontaminierte Oberfläche wurde die Patientenakte abgelegt. Die Keime gelangen von der Akte auf die Kollegin.

Welche Lösungsvorschläge vermitteln Sie den Pflegeeinrichtungen?

Stolz: Es ist ganz wesentlich zu erklären, wie wichtig die Verfügbarkeit von Desinfektionsmitteln ist. Für Pflegeeinrichtungen, in denen demente Bewohner betreut werden, bedeutet das aber, diese Mittel nicht im Zimmer bereitzustellen: Hände- und Flächendesinfektionsmittel müssen in diesen Fällen mitgebracht werden. Zudem ist es wichtig, Bewohner und Angehörige aufzuklären, wann sie selbst Händehygiene durchführen sollten. Weiterhin schlage ich die sogenannte „begleitete Toilettenhygiene“ für mobile Bewohner vor. Das bedeutet, dass die Bewohner dazu angehalten werden, rechtzeitig zu klingeln, bevor sie auf die Toilette gehen. Das Personal unterstützt sie dann in allen Aspekten der Hygiene: Die Desinfektion* der Hände und aller Flächen, die der kranke Bewohner berührt, und die Toilettendesinfektion. Für letzteres bietet es sich an, Toilettenpapier mit einem Flächendesinfektionsmittel mit nachgewiesener Wirksamkeit gegen Noroviren zu tränken und dann nach erfolgter Desinfektion das Papier in der Toilette zu entsorgen. Vorgetränkte Desinfektionstücher aus Vliesmaterial sollte man dazu lieber nicht verwenden, weil sie die Abwasserrohre verstopfen.

Auf welche Probleme stoßen Sie immer wieder bei dem Thema Desinfektion in Alten- und Pflegeeinrichtungen?

Stolz: Ein wesentlicher Faktor ist zu vermitteln, dass es zwischen „sauber machen“ und „desinfizieren“ einen großen Unterschied gibt. Häufig arbeiten Alten- und Pflegeeinrichtungen mit Dienstleistern zusammen, deren Personal vom Dienstleister geschult wird und nicht von der Einrichtung selbst. In so einem Fall muss die Objektleitung des Dienstleisters zusammen mit der Hauswirtschaftsleitung der Einrichtung überprüfen, wie das externe Personal arbeitet. Das geschieht am besten über wiederholte Prozesskontrollen, die aus meiner Sicht immens wichtig sind. Sie sollten sowohl durch internes als auch durch externes Personal durchgeführt werden. Hier kommt ein weiteres Thema ins Spiel: Die Wahrnehmung der Führungsrollen durch die Heim- und die Hauswirtschaftsleitung. Neben klarer und guter Kommunikation müssen qualitativ hochwertige Schulungen mit Anwesenheitspflicht durchgeführt und Zeit geschaffen werden für Teamorganisation und Kontrollaufgaben. Auch die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Dienstleistern erfordert Führungskompetenzen.

Sie erwähnen das Thema Schulungen. Wie sieht aus Ihrer Sicht eine wirksame Hygiene-Schulung aus?

Stolz: Es muss eine ausgewogene Mischung aus theoretischem Input und praktischem Bezug gewährleistet sein. In jedem Fall sollte man die Zielgruppen – beispielsweise ärztliches und pflegerisches Personal sowie Reinigungskräfte – jeweils getrennt schulen. Eine angemessene Dauer ist ebenfalls wichtig: Wenn ich höre, dass nur 15 Minuten zur Verfügung stehen, dann sehe ich das kritisch. 30 Minuten sollten für dieses Thema mindestens angesetzt werden und die Anwesenheit muss verpflichtend sein. Neben dem Wissensteil ist die Anwendung im jeweiligen Alltag wichtig. Dabei hat es sich bewährt, mit dem Personal in kleinen Teams eine Begehung der Räumlichkeiten durchzuführen. Hier lassen sich Korrekturen der jeweiligen Handlungen durch das Personal an ihren Kolleginnen und Kollegen selbst vornehmen. Das unterstützt Eigeninitiative und Teamgeist und führt dazu, dass eine offene und konstruktive Fehlerkultur gelebt wird.

Herr Stolz, die Noroviren-Saison steht wieder unmittelbar bevor. Welchen abschließenden Tipp können Sie Alten- und Pflegeeinrichtungen noch mit auf den Weg geben?

Stolz: Geben Sie Ihrem Personal mehr praxisgerechte Detailinformationen und erklären Sie diese an nachvollziehbaren Beispielen! Geben Sie positives Feedback, wenn Ihr Team erforderliche Maßnahmen korrekt umsetzt! Das Beispiel mit der Übertragung von Noroviren über die Patientenakte zeigt Lücken auf, aber auch Verbesserungspotenzial. Noroviren sind hochinfektiös, zeitnahes und strukturiertes Vorgehen ist unbedingt erforderlich. Das muss ins Bewusstsein – und jeder muss dort abgeholt werden, wo er steht.

*kommerzieller Produkthinweis

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