Claudia James

Infektionen verhindern, Prozessoptimierung und Lösungen

„Händehygiene ist eine gute Nachricht für Ihre Patienten“

Gutes tun und darüber reden: In ihrem Konzept der Hygienekommunikation erklärt Claudia James, Hygiene-Expertin und Senior Expert Marketing bei Knieler & Team GmbH, wie sich die Händehygiene-Compliance von Ärzten und Pflegepersonal durch Kommunikationsmaßnahmen verbessern lässt. Denn durch das Ansprechen der Händedesinfektion wird ihre Ausführung unterstützt und Patienten erhalten zudem wertvolle Informationen zum Hygieneverhalten des Personals. Im Interview spricht die Expertin über die Hintergründe ihrer Erkenntnisse und gibt ganz konkrete Hinweise zur Umsetzung.

Was steckt hinter der Idee der Hygienekommunikation? Ist sie wirklich neu?

Claudia James: Bei der Hygienekommunikation handelt es sich um das Ansprechen der Händedesinfektion – und zwar genau in dem Moment, in dem ein Arzt oder Pflegender seine Hände zum Schutz eines Patienten desinfiziert– in den sogenannten „Vor-Indikationen“. Genau hier ist die Händedesinfektion für Patienten eine wichtige Information, denn es sind die Momente, in denen die Händehygiene vorrangig auf ihren Schutz – also den Patientenschutz zielt. Zudem lernt der Patient, wie und wann er selbst seine Hände desinfizieren und so aktiv etwas zu seiner Genesung beitragen kann. Neu an dem Konzept ist, dass hier sprachwissenschaftliche Aspekte mit Hygiene zusammengeführt werden. Denn: Aussprechen schafft Realität.

Wie läuft das in der Praxis ab? Was genau soll das medizinische Personal sagen?

James: Während der Behandlung und Pflege von Patienten gibt es mehrere Situationen, in denen sich Ärzte und Pflegende die Hände desinfizieren sollten. Doch nicht alle diese Momente sind für den Patientenschutz gleich wichtig. Es gibt Situationen, in denen die Händedesinfektion vorrangig dem Schutz des Personals dient und dann wiederum solche, die vorrangig dem Schutz der Patienten dienen. Für den Patientenschutz besonders relevante Momente sind beispielsweise solche, in denen sich der Behandelnde dem Patienten nähert und wenig später anfasst oder solche vor aseptischen Tätigkeiten, etwa vor einer Wundversorgung. Sie werden deshalb auch als „Vor-Indikationen“ bezeichnet. In diesen Momenten sprechen Ärzte, Pfleger und ihre Patienten häufig sowieso schon miteinander. Genau hier kann das Gesundheitspersonal auch aktiv über die Händedesinfektion informieren.

Das könnte sich zum Beispiel so anhören: „Guten Tag, ich werde mir gleich Ihre Wunde anschauen. Jetzt desinfiziere ich mir erst einmal meine Hände, um Ihnen keine Keime zu übertragen.“ Der Effekt: In dem Moment, in dem ich über Händedesinfektion spreche, muss ich sie auch umsetzen. Zugleich habe ich eine gute Nachricht an den Patienten vermittelt, so dass dieser sich gleich wohler fühlt und womöglich sogar ein Gespräch darüber in Gang kommt, in welchen Situationen es für den Patienten selbst sinnvoll ist, Händehygiene zu betreiben. Auch Angehörige können in solche Informationen gut einbezogen werden. Denn nicht nur das Krankenhauspersonal kann Mikroorganismen verbreiten, sondern natürlich auch jeder andere Mensch, der sich im Krankenhaus bewegt und Dinge berührt. Das Gespräch könnte in etwa so beginnen: „Ich schaue mir gleich Ihren Katheter an und desinfiziere mir vorher meine Hände, damit keine unerwünschten Keime darauf gelangen. Übrigens macht es für Sie auch Sinn, sich zu bestimmten Gelegenheiten die Hände zu desinfizieren, etwa nachdem Sie sich die Nase geputzt haben, auf der Toilette waren oder bevor Sie essen. Ich erzähle Ihnen gerne mehr dazu.“

Aus welchem Impuls oder welcher Idee heraus ist Ihr Konzept der Hygienekommunikation entstanden?

James: Händehygiene und Compliance sind Themen, mit denen ich mich beruflich seit 20 Jahren auseinandersetze. In dieser Zeit durfte ich beobachten, wie positiv sich der Stellenwert der Händedesinfektion entwickelt hat. Es wurden große Fortschritte erzielt, aber es gibt immer noch Hürden in der Umsetzung. Die Forschung betrachtet in diesem Zusammenhang auch immer mehr psycho-soziale Faktoren.

Privat habe ich vor einiger Zeit eine Bekannte im Krankenhaus besucht und naturgemäß eine Weile an ihrem Bett gesessen. In dieser Zeit kamen die Pflegerin und ein Arzt ins Zimmer und haben – so wie man es sich wünscht – Gespräche mit den Patienten geführt. Währenddessen wurde das Kopfkissen aufgeschüttelt, das Bett heruntergestellt, der Katheter überprüft und viele weitere Tätigkeiten an den Patienten durchgeführt. Alle diese Handlungen begleitete das Personal selbstverständlich mit Worten. Es fiel mir allerdings auf, dass die Händedesinfektion – wenn sie durchgeführt wurde – in einer kompletten Sprachlosigkeit stattfand. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass hier eine ungenutzte Chance liegt, um einerseits das Verhalten positiv zu beeinflussen und andererseits auch eine sehr schöne und beruhigende Information an den Patienten weiterzugeben. Als Sprachwissenschaftlerin habe ich mich gefragt, ob Sprache an sich nicht sogar das Verhalten hier ganz einfach steuern kann?

Die Vorteile des Konzepts der Hygienekommunikation:

a) Das Aussprechen der Händehygiene führt zwangsläufig zur Umsetzung und unterstützt damit die Compliance.

b) Beschränkt man den Einsatz der Hygienekommunikation auf „Vorindikationen“, werden Momente abgedeckt, die essenziell für den Patientenschutz sind. Andererseits wird dadurch eine kommunikative Redundanz verhindert.

c) Das Personal überbringt den Patienten eine positive Botschaft. Ein nicht zu unterschätzender Umstand, hat doch die Ermittlung der Patientenzufriedenheit/ patient reported outcome (PRO) einen festen Platz in Forschung, Patientenschutzorganisationen und Krankenkassen.

d) Die fürsorglich kompetente und proaktive Rolle des Personals wird gestärkt.

e) Der laufende Pflege- bzw. Behandlungsprozess wird weder unterbrochen noch zeitlich verlängert, sondern schlicht kommunikativ unterstützt. Die Information zur Händedesinfektion gliedert sich auf natürliche Art und Weise in den normalen Ablauf der Patientenpflege bzw. -behandlung ein.

f) Patienten und Personal in der näheren Umgebung nehmen diese wertschätzende Form der Kommunikation wahr und erwarten nachfolgend wieder das gleiche Verhalten.

g) Die aktive Hygienekommunikation kann zudem dazu führen, in einen Dialog zu treten und eine anschließende Anleitung für sinnvolle Händedesinfektion bei Patienten zu geben.

Gibt es schon Untersuchungen zur Hygienekommunikation?

James: Nein, bislang noch nicht. Es handelt sich momentan ausdrücklich um ein Konzept – einen Vorschlag, der die Diskussion bereichern und einen Denkanstoß in eine neue Richtung geben soll. Es gibt in der wissenschaftlichen Literatur allerdings einen Hinweis1 darauf, dass Patienten es schätzen, wenn sie bei der Einweisung anfangs einmal über Händehygiene vom Personal aufgeklärt werden. Ich fände es aber in der Tat sehr spannend, die Wirkung der Händekommunikation auf das Compliance-Verhalten von Ärzten und Pflegern sowie auf das Patientenbefinden wissenschaftlich zu untersuchen.

Was ist für eine erfolgreiche Umsetzung in die Praxis Ihrer Meinung nach wichtig?

James: Die richtige Schulung! Denn Patientenschutz hängt von vielen kleinen Handlungen ab, die in der korrekten Reihenfolge und in der richtigen Art und Weise durchgeführt werden müssen – darunter auch die Händehygiene. Und das ist nicht banal, sondern muss geübt werden. Aus meiner Sicht ist es deshalb auch wichtig, die Hygienekommunikation direkt anhand von Beispieltätigkeiten zu trainieren. Das lässt sich kombinieren mit anderen Schulungsinhalten zum Thema Kommunikation. Denn Kommunikation mit Patienten ist ein interessantes und wichtiges Feld. Wir haben es sicher alle schon selbst erfahren, dass eine gute und adäquate Ansprache durch Ärzte oder das Pflegepersonal für eine beruhigende innere Stimmung sorgen kann. Wie die Bezeichnung Patientenfürsorge schon sagt, ist Fürsorge wichtig – und da ist Händehygiene immer eine gute Nachricht.

Die Publikation finden Sie hier: Konzept der Hygienekommunikation

Weiterführende Informationen

  1. Hand hygiene communication from healthcare workers to patients: results of a pilot survey in several healthcare facilities., Verjat-Trannoy, D et al., Antimicrobial Resistance and Infection Control vol. 2, Suppl 1 P148. June 2013
Fragen Sie unser Team
ask
Melden Sie sich für unseren Newsletter an
Melden Sie sich für unseren Newsletter an.

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie diese Webseite weiterhin besuchen, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Erfahren Sie mehr.

Okay

Newsletter

Melden Sie sich für unseren Newsletter an.