Infektionen verhindern

Doppelte Behandschuhung als Zwei-Wege-Schutz für Patienten und medizinisches Personal während der Operation

Jedes Jahr erleiden mehr als eine halbe Million Patienten in Europa eine postoperative Wundinfektion, auch Surgical Site Infection (SSI) genannt. Das Tragen von zwei Paar Operationshandschuhen übereinander, die sogenannte doppelte Behandschuhung, kann das SSI-Risiko verringern und sowohl Patienten als auch medizinisches Personal schützen. Wenn der äußere OP-Handschuh beschädigt wird, bietet ein Unterziehhandschuh eine zweite Kontaminationsbarriere. Aber sind zwei Handschuhe wirklich besser als einer? Wir schauen uns die Ergebnisse einschlägiger Studien an.

Während der Operation können Krankheitserreger vom Patienten auf das OP-Personal und wieder zurück zum Patienten übertragen werden. Die Folgen dieser Kontamination sind häufig durch das Blut übertragene Infektionen, einschließlich Infektionen der Operationsstelle (SSI). Nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) werden allein in Europa jährlich eine halbe Million SSIs gemeldet.1 Um das zu verhindern, tragen Mediziner Operationshandschuhe. Diese haben zwei Ziele: Einerseits sollen sie SSIs bei Patienten verhindern, andererseits zugleich das Gesundheitspersonal vor Kontamination schützen.

Die Operationsteams merken manchmal jedoch nicht, wenn diese Barriere durchbrochen wird. Beispielsweise bemerken sie möglicherweise erst nach dem chirurgischen Eingriff Blut des Patienten an ihren Händen. Es gibt jedoch eine Möglichkeit, den Schutz vor Krankheitserregern zu verdoppeln: Durch das Tragen von zwei Paar Handschuhen übereinander – der sogenannten doppelten Behandschuhung (englisch: double gloving) – kann das medizinische Personal die Wahrscheinlichkeit, dass Blut des Patienten an die Hände gelangt, wenn der äußere Handschuh durchstochen wird, um bis zu 65 Prozent verringern.2

Risiko für SSI und Erregerübertragung reduzieren

Für medizinisches Fachpersonal reduzieren Operationshandschuhe das Risiko, während der OP in Kontakt mit Blut und anderen Körperflüssigkeiten zu gelangen. Das senkt das Infektionsrisiko für ihre Patienten und für sie selbst. Durch die dünne Schicht aus Latex, Vinyl, Nitril oder anderen undurchlässigen Materialien bieten OP-Handschuhe eine physische Barriere gegen Krankheitserreger. Dennoch bleibt die Frage offen: Schützt ein einzelnes Paar Operationshandschuhe ausreichend – oder bieten doppelt getragene Handschuhe mehr Schutz?

Ein Cochrane-Review, der 34 randomisierte Kontrollstudien mit 6.890 operierenden Personen einschloss, ergab, dass Perforationen von OP-Handschuhen mit 18,5 Perforationen pro 100 operierenden Personen etwa gleich häufig auftreten – unabhängig davon, ob sie allein oder als Teil eines Doppelhandschuhsystems getragen werden.3 Der Bericht bestätigt jedoch, dass der Unterziehhandschuh in einem Doppelhandschuhsystem weitaus seltener Perforationen aufweist, auch wenn der obere Operationshandschuh beschädigt ist: Mehr als 17 Prozent der Operationshandschuhe weisen Perforationen auf, verglichen mit sechs Prozent der Unterziehhandschuhe. Diese intakte Innenschicht schützt die Hände des Trägers vor Kontaminationen.

Damit das OP-Personal ein Loch, einen Riss oder eine Mikroperforation in ihrem Operationshandschuh bemerkt, hat bei vielen Doppelhandschuhsystemen der Unterziehhandschuh eine gut sichtbare Farbe, häufig ein dunkler Farbton wie zum Beispiel Grün. Der OP-Handschuh hingegen ist im Allgemeinen weiß oder hell gefärbt. Auf diese Weise entsteht dort, wo Flüssigkeit eindringt, ein farbiger Fleck. Dieser Fleck ist größer als die eigentliche Perforation und ist so schneller und besser zu erkennen. Im Vergleich dazu bemerken Träger von einzelnen Operationshandschuhen Perforationen seltener als das Personal, das Indikatorsysteme verwendet. Das ist vermutlich auf die fehlende Signalwirkung des farbigen Unterziehhandschuhs zurückzuführen. 4

OP-Handschuhe werden häufig beschädigt

Da das chirurgische Personal mit “scharfen” Instrumenten wie Nadeln, Haken, Scheren, Skalpellen und anderen Instrumenten mit Klingen umgeht, sind Beschädigungen der Handschuhe und Verletzungen der Hände keine Seltenheit. Fast alle Chirurgen erleiden während ihrer Laufbahn Nadelstichverletzungen. Darüber hinaus treten Schäden an Operationshandschuhen – mit dem damit einhergehenden Infektionsrisiko für Patient und Fachpersonal – bei durchschnittlich 15 Prozent der orthopädischen Eingriffe auf, bei denen die mechanische Belastung besonders hoch ist. 5

Der Schutz von OP-Handschuhen nimmt mit der Zeit ab, insbesondere bei Operationen, die länger als drei Stunden dauern. Gleichzeitig nimmt die Rate der Mikroperforationen allmählich zu, je länger die Handschuhe durch das Benutzen chirurgischer Instrumente mechanisch belastet werden.6

Das Tragen von zwei Paar Operationshandschuhen übereinander bietet die gleiche physische Barriere wie das Tragen von Operationshandschuhen über sichtbar gefärbten Unterziehhandschuhen. Allerdings bieten die Indikatorsysteme mit sichtbar gefärbten Unterziehhandschuhen deutliche Vorteile, wie zumindest eine kürzlich durchgeführte Untersuchung gezeigt hat.

Doppelt getragene Handschuhe offenbaren Perforationen während der OP schneller

Eine multizentrische Studie aus dem Jahr 2014 in den Vereinigten Staaten verglich die Verwendung von allein getragenen OP-Handschuhen mit doppelt getragenen Handschuhen gleicher Farbe und mit doppelt getragenen Handschuhen mit einem grünen Innenhandschuh7. Die Forscher untersuchten auch die Haltbarkeit der Unterziehhandschuhe und wollten wissen, ob die Träger während der Eingriffe Schäden an ihren Operationshandschuhen bemerkten oder nicht.

Mehr als 700 Fachleute aus dem Gesundheitswesen nahmen an der Studie teil. Um die Vorteile der doppelten Behandschuhung zu bewerten, sammelten und untersuchten die Forscher fast 38.000 Handschuhe aus über 4.500 Eingriffen. Als die Teilnehmer gefragt wurden, ob sie Nadelstiche spürten oder nicht, wurde kein signifikanter Unterschied zwischen der Gruppe mit OP-Handschuhen und der Gruppe mit doppelten Handschuhen festgestellt. Aber mehr der medizinischen Mitarbeiter, die nur ein Paar Operationshandschuhe trugen, entdeckten später Blut an ihren Händen.

Zudem hatten sie auch häufiger Löcher, Risse oder Mikroperforationen in ihren Operationshandschuhen im Vergleich zu den Unterziehhandschuhen in den beiden anderen Gruppen. Eine weitere Erkenntnis der Studie: Mitarbeiter, die das Indikatorhandschuhsystem benutzten, wechselten während der Operation häufiger die Handschuhe als diejenigen, die doppelte Handschuhe ohne Indikatorsystem trugen. Tatsächlich erhöhte das Farbindikatorsystem des farbigen Innenhandschuhs das Bewusstsein der Mitglieder des Operationsteams für Handschuhdefekte erheblich.

Allerdings könnte es sein, dass medizinisches Personal doppelte Behandschuhung als zu restriktiv empfindet. Beeinträchtigen zwei Paar Handschuhe die Empfindlichkeit und Geschicklichkeit der Hände während der Operation? Die Mehrheit der Chirurgen berichtet jedoch nicht über Einschränkungen ihrer Arbeitseffizienz. Das zeigt eine hohe Akzeptanz für das Tragen von doppelten Handschuhen.

Prüfung von Operationshandschuhen und Qualitätssicherung gewährleisten Sicherheit

In allen medizinischen Situationen beginnt die Prävention von Infektionen und der Schutz des medizinischen Personals während der Operation mit hochwertigen OP-Handschuhen. Um dieser Anforderung gerecht zu werden, testen die Hersteller medizinische und chirurgische Handschuhe während der Produktion und vor der Auslieferung ausgiebig.8

Beim Pinhole-Test zum Beispiel, der auf den Normen der American Society for Testing and Materials9 basiert und von der US Food and Drug Administration reguliert wird, wird von jeder Charge eine gewisse Anzahl an Handschuhen mit Wasser gefüllt. Diese werden an der Manschette befestigt zwei Minuten lang aufgehängt, um zu sehen, ob sie das Wasser halten. Anhand dieser Tests können die Hersteller feststellen, ob die Handschuhe undurchlässig, d.h. frei von Mikroperforationen sind, die Krankheitserreger durchlassen könnten.

In Europa werden medizinische Einweghandschuhe gemäß der Norm ISO EN 455 hergestellt.10 Darin ist festgelegt, dass solche Handschuhe einen Wasserdichtigkeitstest bestehen müssen, bei dem sie mit einem Liter Wasser gefüllt und nach einer bestimmten Zeit auf Undichtigkeiten mit einem akzeptablen Qualitätsniveau (AQL) von 1,5 geprüft werden. Diese Zahl bedeutet, dass statistisch gesehen weniger als 1,5 Prozent der Handschuhe in der Charge Mängel aufweisen. Die Hersteller von OP-Handschuhen halten sich an diese strengen Richtlinien, um sicherzustellen, dass die von ihnen gelieferten Handschuhe in einwandfreiem Zustand sind. Ein kleiner Prozentsatz an Mikroperforationen lässt sich jedoch nicht vermeiden. Die meisten Anbieter von qualitativ hochwertigen OP-Handschuhen erreichen sogar einen AQL von 0,65 und erhöhen somit den Schutz, indem sie die geforderten Standards übertreffen. Auch hier bietet die doppelte Behandschuhung doppelten Schutz: Unterziehhandschuhe schützen sowohl ihre Träger als auch die Patienten, sollten Mikroperforationen in den OP-Handschuhen vorhanden sein, selbst wenn keine Schäden sichtbar sind.

Empfehlungen: Doppelte Handschuhe erhöhen die Sicherheit während der OP

Da sich die doppelte Behandschuhung in zahlreichen Studien bewährt hat, empfehlen Berufsverbände wie das deutsche Robert Koch-Institut (RKI)11, die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF)12, die US-Gesundheitsbehörde (CDC) und der US-Verband der perioperativen Krankenschwestern (AORN)13 doppelte Behandschuhung, insbesondere bei Operationen mit hohem Verletzungs-, Infektions- oder Perforationsrisiko wie orthopädischen, gastrointestinalen, Trauma- und Notfall-Operationen. Sie raten dem Personal auch, Handschuhe, die während der Operation beschädigt werden, sofort zu wechseln, wenn der Schaden erkannt ist.

Doppelt getragene Handschuhe machen die Barriere zwischen Händen und Operationswunden weniger durchlässig für Keime. Damit verhindern sie Kontaminationen und senken das Infektionsrisiko. Viele chirurgische Teams weltweit tragen bereits routinemäßig zwei Paar Handschuhe, um während der OP eine innere und eine äußere Schutzschicht zu bilden. Doppelt getragene Handschuhe schützen das medizinische Personal und die Patienten vor SSI – indem sie das Eindringen von Krankheitserregern doppelt so schwierig machen.

WEITERE INFORMATIONEN

  1. Facts about surgical site infections, European Centre for Disease Prevention and Control
  2. Gloves, extra gloves or special types of gloves for preventing percutaneous exposure injuries in healthcare personnel, Mischke C et al., The Cochrane database of systematic reviews
  3. Gloves, extra gloves or special types of gloves for preventing percutaneous exposure injuries in healthcare personnel, Mischke C. et al., The Cochrane database of systematic reviews
  4. Double gloving to reduce surgical cross-infection, Tanner J. et al., The Cochrane database of systematic reviews
  5. Damages with High Consequences: Analysis of Perforations in Surgical Latex Operation Gloves from Orthopedic Surgeries, Andreas Enz et al., European Journal of Microbiology & Immunology
  6. Incidence of Microperforation for Surgical Gloves Depends on Duration of Wear, Lars Ivo Partecke et al., Infection Control and Hospital Epidemiology
  7. Exploring the benefits of double gloving during surgery, Korniewicz D et al., AORN journal 8.Guidance for Industry and FDA Staff Medical Glove Guidance Manual, U.S. Department of Health and Human Services Food and Drug Administration
  8. Standard Test Method for Detection of Holes in Medical Gloves, ASTM International
  9. Anforderungen an Handschuhe zur Infektionsprophylaxe im Gesundheitswesen, Arbeitskreis "Krankenhaus- & Praxishygiene" der AWMF
  10. Empfehlungen zur Händehygiene in Einrichtungen des Gesundheitswesens, Robert Koch Institut
  11. Anforderungen an Handschuhe zur Infektionsprophylaxe im Gesundheitswesen, Arbeitskreis "Krankenhaus- & Praxishygiene" der AWMF
  12. Implementing AORN recommended practices for prevention of transmissible infections, Patrick MR. et al., AORN journal
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