Infektionen verhindern

Es liegt in Ihren Händen: Die dringende Notwendigkeit der Händehygiene

Nur wenige Menschen haben die Bedeutung der Händehygiene im Healthcare-Bereich so erkannt wie Professor Didier Pittet, der sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert mit diesem Thema beschäftigt. Pittet ist Direktor des Programms zur Infektionskontrolle der Krankenhäuser und Medizinischen Fakultät der Universität Genf sowie eines Kollaborationszentrums der Weltgesundheitsorganisation (WHO Collaborating Centre on Patient Safety). Zudem ist er leitender Berater des WHO-Programms Clean Care is Safer Care. Der weltweit führende Experte im Bereich nosokomiale Infektionen erklärt, wie Händehygiene Leben retten kann.

Warum benötigt das Thema Händehygiene globale Aufmerksamkeit?

Prof. Didier Pittet: Wenn das medizinische Personal in Krankenhäusern saubere – also keimfreie – Hände hat, kann das Infektionen verhindern. Derzeit sterben jedes Jahr mehr als 16 Millionen Menschen auf der ganzen Welt an nosokomialen Infektionen. Das ist eine höhere Todesrate als bei Aids, Tuberkulose und Malaria zusammen.

Was hat sich geändert, seit Sie mit der Erforschung und Entwicklung von Programmen zur Händehygiene begonnen haben?

Pittet: Als wir 1994 mit unserer Forschung begannen, folgten Mediziner einer Standardmethode: Händewaschen mit Seife und Wasser. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir bereits nachweisen, dass es unmöglich ist, die Hände vollständig zu reinigen und keimfrei zu bekommen. In den letzten 25 Jahren haben wir erforscht, dass Händedesinfektionsmittel auf Alkoholbasis einen entscheidenden Unterschied bringen – wenn sie zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt werden. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass ein multimodaler Ansatz zur Änderung des Händehygieneverhaltens systematische Veränderungen beinhaltet: So müssen etwa Händedesinfektionsmittel auf Alkoholbasis bereitgestellt und zugänglich gemacht werden, das Personal muss kontinuierlich geschult werden, Feedback bekommen und über die lebensrettende Bedeutung dieses Themas aufgeklärt werden. Schließlich muss ein individuelles, institutionalisiertes Umfeld geschaffen werden, das die lebenswichtige Bedeutung der Händehygiene konsequent unterstützt.

Wie wichtig ist es, dass medizinisches Personal sich um bessere Händehygiene kümmert?

Pittet: Neben jährlich 16 Millionen vermeidbaren Todesfällen sprechen wir von Infektionen, die typischerweise mit Antibiotika behandelt werden. Da die Antibiotikaresistenz exponentiell zugenommen hat, müssen wir überlegen, wie wir verhindern können, dass Infektionen überhaupt auftreten. Eine gute Hygiene ist die wichtigste Maßnahme, um die weitere Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen zu verhindern.

Ist eine „perfekte" Händehygiene überhaupt möglich?

Pittet: Wahrscheinlich nicht – aber das sollte niemanden entmutigen. Wir wissen, dass Strategien zur Förderung der Händehygiene multimodal sein müssen – das erfordert Übung. Aber die gute Nachricht ist: Medizinische Einrichtungen müssen keine perfekte Einhaltung der Hygiene nachweisen, um die Infektionsraten zu senken. Wir haben in unserer Forschung gezeigt, dass die Compliance in manchen Fällen tatsächlich sehr gering sein kann: vielleicht etwa 10 bis 20 Prozent. Selbst wenn eine Einrichtung eine Compliance von auch nur 40 bis 50 Prozent erreicht, zeigen unsere Untersuchungen, dass einige Infektionen um bis zu 50 Prozent und andere um bis zu 90 Prozent oder mehr reduziert werden können.

Warum haben Sie Ihr Wissen und Ihre Bemühungen auf dieses Thema ausgerichtet?

Pittet: Erstens: wegen der klaren Beweislage. Zudem wegen der Kollegen, die sich diesem Projekt angeschlossen haben, zuerst in Europa und jetzt weltweit. Im Jahr 2006 haben wir ein weiteres Forschungsprojekt konzipiert – und Antworten gefunden. Mehr als 250 Millionen Menschen verfolgen unsere Kampagne (via Internet und Social Media). Und Händedesinfektionsmittel auf Alkoholbasis sind in die Liste der lebenswichtigen Medikamente aufgenommen worden.

Heute entwickeln wir in Afrika Konzepte und Modelle, um zum Beispiel alkoholbasierte Händedesinfektionsmittel vor Ort und kosteneffizient herzustellen. Wir schaffen Arbeitsplätze und retten Leben. Hierbei haben wir der WHO unsere Rezeptur zur Verfügung gestellt, um effektiv und wirtschaftlich Händedesinfektionsmittel auf Alkoholbasis herzustellen. Diese werden jetzt in mehr als 60 Ländern zu niedrigeren Kosten hergestellt. In den Industrieländern können Unternehmen weiterhin ihre alkoholbasierten Händedesinfektionsmittel verkaufen. So hat jeder eine Chance. Denn Händehygiene unterstützt die Rechte von Menschen auf der ganzen Welt. Tatsächlich ist Gesundheit ein Menschenrecht.

Professor Didier Pittet
Der Experte für Infektionskrankheiten leitet die Abteilung für Krankenhaushygiene an den Genfer Universitätskliniken sowie ein Kollaborationszentrum der WHO und wirkte als leitender Berater der ersten globalen Kampagne zur Patientensicherheit der WHO: Clean Care is Safer Care.

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