Prof Didier Pittet Hand Hygiene

Infektionen verhindern

Professor Didier Pittet:
Das Recht auf Händehygiene

Professor Didier Pittet ist Direktor des Programms zur Infektionskontrolle der Krankenhäuser und Medizinischen Fakultät der Universität Genf. Er war auch leitender Berater der ersten globalen Challenge zur Patientensicherheit der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Clean Care is Safer Care.

"Weltweit sind Patienten von nosokomialen Infektionen betroffen. Diese gelten als häufigste Nebenwirkung einer medizinischen Behandlung1. Daher die Frage, wie groß sind die Auswirkungen dieser Infektionen – die Antwort ist erschreckend: Derzeit geht man davon aus, dass jährlich etwa 16 Millionen Menschen weltweit an solchen Infektionen und den resultierenden Komplikationen sterben. Das sind jedes Jahr mehr Todesfälle als durch AIDS, Tuberkulose und Malaria zusammengenommen. In vielen Bereichen – von Krankenhäusern über ambulante Pflege bis hin zur Langzeitpflege – scheinen nosokomiale Infektionen ein verstecktes, übergreifendes Problem zu sein, von dem keine Institution oder kein Land behaupten kann, es bereits gelöst zu haben. Aber obwohl wir immer noch vor dieser Herausforderung stehen, haben wir forschungsbasiertes Wissen darüber und die Beweise sind eindeutig: Händehygiene durch medizinisches Personal kann Infektionen verhindern. Und wir haben auch Belege dafür, dass selbst kleine Verbesserungen bei der Einhaltung der Vorschriften die Infektionsraten senken können – und damit verbundene Probleme wie die Antibiotikaresistenz verringern.

Händehygiene für die globale Gesundheit

Aus ökonomischer und ressourcenbezogener Sicht ist die Händehygiene viel mehr als eine Alltagshandlung, die zu oft unzureichend ausgeführt wird. Schlechte Händehygiene, die zu nosokomialen Infektionen führt, hat vielfältige Folgen: verlängerte Krankenhausaufenthalte, dauerhafte Behinderungen, die Zunahme von Antibiotikaresistenzen bei Mikroorganismen, eine massive finanzielle Mehrbelastung für Gesundheitssysteme, hohe Kosten für Patienten und ihre Familien und im schlimmsten Fall eine erhöhte Anzahl von Todesfällen. In Europa verursachen nosokomiale Infektionen jährlich rund 16 Millionen zusätzliche Krankenhaustage, 37.000 direkte Todesfälle und sie tragen zu weiteren 110.000 Todesfällen bei. Die jährlichen finanziellen Verluste werden auf etwa sieben Milliarden Euro geschätzt, dabei sind jedoch nur die direkten Kosten berücksichtigt. In den Vereinigten Staaten verursachten nosokomiale Infektionen im Jahr 2002 ungefähr 99.000 Todesfälle und die jährlichen wirtschaftlichen Auswirkungen wurden auf etwa 6,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2004 geschätzt. Für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen gibt es wenige Informationen und es liegen keine Daten auf nationaler oder regionaler Ebene vor. Eine Überprüfung mehrerer Studien ergab, dass die Verlängerung der Krankenhausaufenthalte im Zusammenhang mit nosokomialen Infektionen zwischen fünf und 29,5 Tagen variierte. Obwohl es derzeit noch keine globalen Schätzungen zu nosokomialen Infektionen gibt, zeigt die Integration von Daten aus veröffentlichten Studien: Jedes Jahr erkranken weltweit Hunderte von Millionen Patienten, und Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen sind davon noch stärker betroffen1.

Allerdings müssen wir einen weiteren entscheidenden Faktor berücksichtigen: den Menschen. Denn zusätzlich zu den jährlich 16 Millionen wahrscheinlich vermeidbaren Todesfällen, wächst die Zahl von Infektionen durch antibiotikaresistente Erreger exponentiell an. Und obwohl es viele Ursachen für diese Entwicklung gibt, sollten wir überlegen, wie wir verhindern können, dass Infektionen überhaupt erst auftreten.

Glücklicherweise wollen viele Mediziner die Situation ändern. Sowohl regionale als auch lokale Regierungen und ihre medizinischen Einrichtungen weltweit passen ihre Richtlinien, Verfahren und Denkweisen an, um Hände sauber und damit die Patienten gesund zu halten. Wir begannen unsere Forschung im Jahr 1994 und seitdem haben wir Daten gesammelt, die belegen, dass selbst leichte Steigerungen der Compliance eine signifikante Reduzierung nosokomialer Infektionensraten / des Auftretens nosokomialer Infektionen bewirken. Die globale Rate der Compliance der Händehygiene liegt weiterhin bei 10 bis 20 Prozent. Aber wenn es einer Einrichtung gelingt auf 40 bis 50 Prozent Einhaltung zu kommen, zeigen unsere Untersuchungen, dass einige Infektionen um mindestens 50 Prozent und andere um bis zu 90 Prozent oder mehr reduziert werden können.

Ein nachhaltiger Ansatz für die Händehygiene

In den letzten 25 Jahren haben wir – und das stimmt uns sehr optimistisch – wirtschaftliche, nachhaltige Materialien, also alkoholbasierte Händedesinfektionsmittel entwickelt und daneben einen multimodalen Ansatz, der einerseits eine Veränderung im System beinhaltet und außerdem die lebenswichtige Bedeutung der Händehygiene betont. Heute verfolgen mehr als 250 Millionen Menschen unsere Kampagne (über das Internet und Social Media). Darüber hinaus sind alkoholbasierte Händedesinfektionsmittel* in die WHO-Modellliste von unentbehrlichen Arzneimitteln (WHO‘s Essential Medicines List) aufgenommen worden.

Diese Listung war besonders wichtig – sowohl praktisch als auch symbolisch. Das Motto der WHO-Kampagne 2019 lautet: “Clean Care for All – It’s in Your Hands“ („Saubere Pflege für alle – es liegt in Ihren Händen“). Saubere Hände bedeuten universelle Gesundheitsversorgung. Dabei ist es unwichtig, ob man sich in Industrie- oder Entwicklungsländern befindet, die Patientenrechte müssen respektiert werden – unabhängig von den Ressourcen des Krankenhauses oder der medizinischen Einrichtung. Da sie in die Liste der WHO für lebenswichtige Medikamente aufgenommen wurden, sind alkoholbasierte Händedesinfektionsmittel im patientennahen Umfeld nun ein Menschenrecht."

Von Professor Didier Pittet
Der Experte für Infektionskrankheiten leitet die Abteilung für Krankenhaushygiene an den Genfer Universitätskliniken sowie ein Kollaborationszentrum der WHO und wirkte als leitender Berater der ersten globalen Kampagne zur Patientensicherheit der WHO: Clean Care is Safer Care.

Weitere Informationen

  1. Report on the Burden of Endemic Health Care-Associated Infection Worldwide, WHO

*kommerzieller Produkthinweis

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