Komfort und Nutzen

„Bei Desinfektionsmitteln profitiert jeder von einer besseren Compliance”

Die Händehygiene und die Desinfektion von Oberflächen sind wirksame Maßnahmen, um nosokomiale Infektionen und Ausbrüche zu verringern bzw. zu vermeiden. Dadurch ließe sich auch der Antibiotika-Einsatz reduzieren. Darum werden Innovationen auf dem Gebiet der Desinfektionsmittel von vielen Seiten vorangetrieben. Kaum jemand kennt sich in der Branche so gut aus wie Dr. Roland Knieler, Managing Director von Knieler & Team. Für uns schildert der Chemiker und Desinfektionsmittelexperte, welche aktuellen Innovationen sich gerade im Bereich der Desinfektion den Weg bahnen, und wie die Compliance in der Medizin verbessert werden kann.

Herr Dr. Knieler, Sie beobachten die Entwicklungen auf dem Desinfektionsmittelmarkt seit Jahren und forschen selbst aktiv. Welche großen Innovationen sehen Sie aktuell in den Bereichen Hände- und Flächendesinfektion?

Dr. Roland Knieler: Im Bereich der Flächendesinfektion sehe ich die Umstellung auf Ready-to-use Systeme als den größten Umbruch der letzten Jahre. Mittlerweile ist es für das Personal möglich, vorgetränkte Tücher zu nutzen, wodurch Dosierungs- und Anwendungsfehler größtenteils vermieden werden. Die Ready-to-use Systeme erhöhen also die Sicherheit in Gesundheitseinrichtungen, erhöhen die Compliance und erleichtern dem Personal die Arbeit. Was die Händedesinfektion betrifft, gehört es meiner Ansicht nach zu den Innovationen, dass die Spender nun direkt am Point of Care verfügbar und gut sichtbar sind. Während die Spender früher auf dem Flur oder neben der Tür im Zimmer hingen, liegt der Fokus mittlerweile darauf, dass die Produkte möglichst leicht angewendet werden können, wenn sie angewendet werden müssen. Eine weitere Möglichkeit die Compliance zu unterstützen, ist die Spender in Signalfarben zu gestalten.

Bis neue Richtlinien und neue Produkte auf den Markt kommen können, ist es oftmals ein langer Weg. Wie werden Innovationen vorangetrieben und was hemmt sie?

Knieler: Die Treiber der Innovationen in dem Bereich sind sehr vielfältig. Zum einen sind es natürlich die Anwender, die Rückmeldungen zu den Produkten geben. Ansonsten sind es die Ergebnisse neuer Studien, neue Guidelines und die Unternehmen, welche neue Produkte entwickeln bzw. die Wirkweisen bestehender Produkte weiter verbessern wollen. Gehemmt wird die Innovationsschöpfung vor allem durch die großen regulatorischen Anforderungen auf dem Markt. Um Patienten- und Anwendersicherheit zu gewährleisten und den hohen Ansprüchen gerecht zu werden, muss in der Desinfektionsmittelindustrie daher viel geforscht und dokumentiert werden.

Spiegeln sich die hohen Ansprüche an Desinfektionsmittel, Ready-to-use Tuchsysteme oder Spender auch im Entwicklungsaufwand wider?

Knieler: Auf jeden Fall. Ein Beispiel: wichtiger Teil der Entwicklung ist die Zulassung der Produkte durch Behörden. Hier ist der zeitliche Aufwand schon fast vergleichbar mit der Entwicklung von Arzneimitteln, auch die Kosten für die Entwicklung, Dokumentation und Zulassung haben sich in den letzten Jahren vervielfacht. Demgegenüber liegt die Umsatzerwartung bei Desinfektionsmitteln bei einem Bruchteil im Vergleich zu Arzneimitteln.

In der Vergangenheit spielten in der Rezeptur von Händedesinfektionsmitteln Remanenzwirkstoffe eine wichtige Rolle. Um welche Wirkstoffe handelt es sich und wie steht man heute zum Einsatz remanenter Wirkstoffe?

Knieler: Die Besonderheit remanenter Wirkstoffe ist, dass sie auf der Haut verbleiben – im Gegensatz zu Alkoholen. Früher nahm man an, dass hierdurch die Wirksamkeit der Händedesinfektionsmittel verlängert werden kann. Mittlerweile ist jedoch durch mehrere Studien belegt worden, dass Remanenzwirkstoffe keine verbesserte Wirksamkeit erzeugen, sondern im Gegenteil durch ihre Verwendung das Risiko für Nebenwirkungen bei den Anwendern steigt. Daher ist zu empfehlen, bei der Herstellung von Händedesinfektionsmitteln komplett auf Parfüm, Farbstoff und Remanenzwirkstoffe (mehr zu diesem Thema: Chirurgische Händedesinfektion) zu verzichten. Dies kommt der Hautverträglichkeit der Produkte zugute, welche wiederum die Compliance erhöht. Die richtige Auswahl der Inhaltsstoffe dient also der Förderung der Einhaltung der Händehygiene.

Die Anbringung von Spendern für die Händedesinfektion oder der Einsatz von Ready-to-use Tuch- und Tuchspender-Systemen folgt der Formulierung von Richtlinien oder Empfehlungen, beispielsweise der KRINKO (LINK Glossar). Inwiefern sind die Anwender in die Erstellung solcher Empfehlungen involviert?

Knieler: An Richtlinien sind sehr maßgeblich Experten aus Behörden und Hygieniker beteiligt. Und gerade Hygieniker und deren Mitarbeiter kennen die Probleme aus ihren Gesundheitseinrichtungen – natürlich oft direkt von den Anwendern. Hier kommt also viel Praxiserfahrung ins Spiel. Dadurch leiten sich Ansätze zu Studien ab, die dann wiederum zu evidenzbasierten Erkenntnissen führen, die in Richtlinien einfließen. Hier gibt es viele praxisnahe Beispiele: mehr Spender pro Bett, Spender am Point of Care, Spender in Signalfarben – für all diese Interventionen sind in Studien eine Erhöhung der Compliance nachgewiesen. Im Kern beschäftigen sich sowohl Richtlinien als auch die Forschung und mit ihr die Industrie heute vermehrt um die Erleichterung der Anwendung von Hygienemaßnahmen, damit die Umsetzung in die Praxis verbessert wird.

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