Krankenschwestern bei der Händedesinfektion vor einer OP

Infektionen verhindern

Medizinischem Personal ist Infektionsgefahr möglicherweise nicht bewusst

Noch immer wird Händehygiene nicht ausreichend und konsequent genug umgesetzt. Ein möglicher Grund ist laut einer aktuellen Untersuchung: Es scheint medizinischem Personal nicht bewusst zu sein, wie oft es Patienten sowie Flächen innerhalb und außerhalb der Patientenumgebung berührt, wodurch Mikroorganismen übertragen werden können und potenzielle Infektionsrisiken entstehen. Die Studie fand heraus: Es findet durchschnittlich alle 4,2 Sekunden ein Kontakt bei der Pflege und Behandlung von Patienten statt – alle zwei Minuten sogar ein Kontakt mit Infektionsrisiko.

Erst eine Begrüßung. Dann das mitgebrachte medizinische Equipment auf dem Nachttisch des Patienten abstellen. Den Zugang im Arm überprüfen. Danach die Infusion checken. Die Medikation in der Patientenakte vermerken. In die Kitteltasche fassen, weil der Stationsbeeper piept. Den Puls fühlen. Den Wundverband* wechseln und dabei eine ins Gesicht gerutschte Haarsträhne zurückstreichen.

Es gibt zahlreiche solcher Kontakte zwischen Pflegepersonal oder Ärzten und ihren Patienten und deren Umgebung. Sie bergen dann ein potenzielles Infektionsrisiko, wenn die Hände vor der Berührung von sogenannten kritischen Stellen (z.B. Wunden, Schleimhäute, Infusionszugänge) nicht desinfiziert werden. Trotzdem wird die Händehygiene* in solchen Momenten nicht ausreichend und konsequent genug umgesetzt.

Um das Thema zu verdeutlichen und in Zahlen zu fassen, untersuchte ein Team um Lauren Clack und Hugo Sax von der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene am Universitätsspital Zürich, wie viele solcher Kontakte zwischen den Händen des Personals, den Patienten und unterschiedlichen Flächen im Alltag* der Intensivpflege vorkommen.

Die Forscher entdeckten im Schnitt alle vier Sekunden eine Übertragung von potenziell schädlichen Mikroorganismen auf den Patienten und seine Umgebung und ca. alle zwei Minuten einen potenziell infektiösen Kontakt.

Die Analyse verdeutlicht ein Problem

Ihre Ergebnisse haben die Autoren 2017 im Fachblatt „Antimicrobial Resistance & Infection Control“ veröffentlicht.1 (Eine Zusammenfassung der Studie finden Sie hier.) Das Team beobachtete die Patient-Flächen-Kontakte auf drei Intensivstationen für Unfall-, Herz- und Viszeralchirurgie mithilfe von kopfmontierten Kameras. Der Aufnahmewinkel war so ausgerichtet, dass die Hände der Teilnehmer – acht Pfleger und zwei Ärzte – ständig im Aufnahmefeld blieben. Die zehn Probanden trugen das Kamerasystem für jeweils 70 Minuten während ihrer Morgenschicht.

Nach der Aufnahme wählten die Forscher von jeder Videosequenz etwa 30 Minuten mit direkter Patientenpflege aus und beurteilten die Daten anschließend hinsichtlich der Kontaminations- und Infektionsrisiken. Dafür werteten die Wissenschaftler alle Hand-Flächen-Kontakte in den jeweiligen Videosequenzen aus und codierten sie im Hinblick auf ihre Anzahl, Dauer und Art. Zusätzlich hielten die Forscher fest, welche Hand die Probanden nutzten, welche Flächen sie damit berührten und ob die Hände behandschuht* waren.

Die Analyse des Forscherteams verdeutlicht ein in diesem Ausmaß überraschendes Problem: Während sich das medizinische Personal primär auf die Pflege- oder Behandlungstätigkeit konzentriert, scheint ihm nicht aufzufallen, wie oft es mit Flächen innerhalb und außerhalb der Patientenumgebung sowie mit kritischen Stellen der Patienten in Kontakt kommt.

Möglicherweise sei dieses geringe Bewusstsein einer der Gründe für die mangelhafte Umsetzung der Händehygiene, vermuten die Forscher. Vor allem die häufigen und meist unbewussten Kontakte des Krankenhauspersonals mit dem eigenen Körper und ihrem Kittel* sind ein unerwartetes Ergebnis der Studie.

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Patientenumgebung ist mit fremden Mikroorganismen bevölkert

Bislang waren Experten davon ausgegangen, dass die direkte Patientenumgebung vor allem mit der patienteneigenen Flora besiedelt ist. Die Ergebnisse der Schweizer Studie legen jedoch nahe, dass die Patientenumgebung auch mit fremden Mikroorganismen bevölkert ist. Als Grund sahen die Schweizer Forscher den häufigen Wechsel der Pfleger- und Ärztehände zwischen „innerhalb“ und „außerhalb“ der Patientenzone.

Im Einzelnen sortierten die Studienautoren die Ereignisse folgendermaßen: Als Berührungen „außerhalb der Patientenumgebung“ galten zum Beispiel Körper, Kleidung und Ausrüstung des Pflegenden bzw. Behandelnden, andere Patienten, sowie alle anderen Flächen außerhalb der direkten Patientenumgebung.

Zu „innerhalb der Patientenumgebung“ zählten der Patient selbst und alle Gegenstände in seinem direkten Umfeld. Zu den „kritischen Stellen“ gehörten sterile mitgebrachte Medizinprodukte (wie ein Katheter oder andere steriles Equipment) sowie kritische Patientenkörperstellen, die unbedingt gegen mikrobielle Kontamination geschützt werden müssen, um Infektionen zu vermeiden.

Handlungsabfolgen, bei denen zunächst eine Fläche „außerhalb der Patientenumgebung“ berührt wurde und dann eine Fläche „innerhalb der Patientenumgebung“ definierten die Forscher als „Kolonisierungsereignis“ – also als Ereignis bei dem Mikroorganismen von außerhalb der Patientenumgebung in die Patientenumgebung übertragen wurden.

Sequenzen, bei denen zunächst irgendeine Fläche berührt wurde, gefolgt von einer Berührung einer „kritischen“ Stelle, wurden als „Infektionsereignis“ definiert – also als Ereignis, bei dem Mikroorganismen von einer Fläche auf eine Patientenkörperstelle übertragen wurde, die gegen Infektionen geschützt werden muss. (siehe Grafik unten)

Die Forscher zählten insgesamt 4222 Hand-Flächen-Kontakte, darunter 291 Kolonisierungsereignisse (6,9 Prozent) und 217 Infektionsereignisse (5,1 Prozent). Interessanterweise traten 61 Prozent der Kolonisierungs- und 2,3 Prozent der Infektionsereignisse nach dem Kontakt mit dem eigenen Körper (Kleidung, Haare, Haut) des Krankenhauspersonals auf.

Diese Zuordnung brachten die Forscher mit den tatsächlich durchgeführten Händedesinfektionen in Relation: Händehygiene wurde demnach vor nur 14 der 291 Kolonisierungsereignisse und vor nur drei der 217 Infektionsereignisse durchgeführt. Dies entspricht einer Rate von lediglich fünf Prozent bzw. einem Prozent.

Händedesinfektion nicht immer zum richtigen Zeitpunkt

Zusätzlich zeigte die Untersuchung, dass Händedesinfektionen zwar alle drei Minuten, aber selten nach Kolonisierungs- oder vor Infektionsereignissen durchgeführt wurden. Zudem betrug die mittlere Einreibezeit bei der Händedesinfektion in der Praxis lediglich elf Sekunden. Um eine ausreichende Benetzung der Hände mit Desinfektionsmittel zu gewährleisten benötigt man allerdings rund 30 Sekunden.

Die Resultate der Untersuchung zeigen, dass die bisherige Auslegung der „Momente für die Händehygiene“ nach dem WHO-5-Momente-Modell (siehe Grafik unten2) möglicherweise erweitert werden muss – auch, weil das Sich-selbst-Berühren bislang nicht als Moment der Händehygiene betrachtet wird.

Die Schweizer Autoren Clack und Sax hoffen, dass ihre Studie dazu anregt, die Strategien zur Vermeidung von Infektionen weiter zu verbessern. Ein wichtiger Schritt dorthin ist laut Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) des Robert-Koch-Instituts (RKI)3: Desinfektionsmittel sollten dort, wo sie benötigt werden, bequem verfügbar sein.

Dann entstehe zumindest kein zusätzlicher Zeitdruck für das Personal durch unnötige Wege, um die erforderliche Desinfektion durchzuführen. Das erleichtere es ihm, die Empfehlungen einzuhalten und sowohl die Patienten wie auch sich selbst zu schützen.

Weiterführende Informationen

  1. “First-person view” of pathogen transmission and hand hygiene – use of a new head-mounted video capture and coding tool, Clack L et al., Antimicrobial Resistance & Infection Control

  2. Five moments for hand hygiene, World Health Organization

  3. Empfehlungen zur Händehygiene, Bundesgesundheitsbl 09/2016, Robert Koch-Institut



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